J. Bocquet: La France, L’Église et le Baas.

Titel
La France, l'Église et le Baas. Un siècle de présence française en Syrie (de 1918 à nos jours)


Autor(en)
Bocquet, Jérôme
Erschienen
Anzahl Seiten
423 S.
Preis
€ 35,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Esther Möller, School of Humanities and Social Sciences, Jacobs University Bremen

Mit „La France, l’Église et le Baas“ knüpft der französische Historiker Jérôme Bocquet an sein 2005 im selben Verlag erschienenes Werk „Missionnaires français en terre d’islam. Damas 1860–1914“ an. Beide Bücher sind die überarbeitete Fassung seiner 2004 vorgelegten Dissertation über die Geschichte des Collège Saint-Vincent, einer Schule des katholischen Ordens der Lazaristen in Damaskus1, von 1860 bis heute.

Mit dieser Untersuchung reiht sich Bocquet in einen aktuellen Forschungszweig zu französischen Erziehungsinstitutionen im Nahen Osten ein.2 Deren Autoren betonen die identitätsstiftende Aufgabe dieser Schulen sowohl für die Kolonialpolitik Frankreichs als auch für die lokale Bevölkerung, insbesondere für die lokalen Eliten. Neben den sehr sorgfältigen Recherchen in den Archiven des französischen Außenministeriums, des Ordens der Lazaristen in Paris und Beirut sowie den Privatarchiven des Collège Saint-Vincent ist es aber die Langzeitstudie, die den besonderen Reiz dieses Werkes ausmacht. Mit dem Fokus auf die Periode von 1918 bis in die 1970er-Jahre zeigt Bocquet in diesem Werk sehr überzeugend den hindernisreichen Weg der Schule der Lazaristen von der komfortablen Situation im von Frankreich kontrollierten Mandatsgebiet Syrien über die herbe Enttäuschung angesichts des schleichenden Rückzugs Frankreichs bis hin zur erzwungenen Akzeptanz des neuen syrischen Regimes.

Im ersten Teil „Le mandat français au secours des chrétiens d’Orient“ zeichnet Bocquet den Höhepunkt und das Ende der engen Zusammenarbeit zwischen den Lazaristen in Syrien und der französischen Regierung während des Mandats nach, die für beide von Nutzen waren (S. 37). Die Gründe für den Wandel in dieser engen Kooperation ab Ende der 1920er-Jahre liegen laut Bocquet in Frankreich und Syrien gleichermaßen begründet: In Frankreich führte der Wahlsieg der Linken 1924 zu einer neuen antiklerikalen Politik in den Mandatsgebieten; in Syrien demonstrierte die Revolte von 1925 die Opposition gegen das Mandat und die Gefahr einer nationalistischen Erhebung. Daraufhin konzentrierte Paris seine Förderung auf die Schulen, die die syrischen Muslime und Nationalisten ausbildeten (unter anderem die der „Mission laïque française“) (S. 51-52; 89-90).

Dass die Lazaristen trotz der manifesten Kritik aus der Bevölkerung relativ gut in die syrische Gesellschaft integriert waren, führt Bocquet auf die persönlichen Beziehungen einzelner Patres zu bestimmten Damaszener Familien zurück (S. 110). In der Tat kooperierten Notablen verschiedener Konfession mit dem Orden und machten die Schule so zur Ausbildungsstätte der neuen nationalen Elite. Prominentes Beispiel ist Muhammad Kurd 'Ali, Intellektueller, Schriftsteller und Begründer der arabischen Akademie (S. 45).

Im zweiten Teil „L’enseignement français au temps de la nation arabe“ zeigt Bocquet, inwiefern die Lazaristen in Damaskus große Schwierigkeiten damit hatten, sich dem veränderten politischen Klima anzupassen. Die staatliche Nationalisierung und Arabisierung des Schulwesens überlebten die Lazaristen im Gegensatz zu vielen anderen Schulen, da die syrische Regierung einige prestigereiche ausländische Schulen behalten wollte, auch wenn diese keinen Einfluss mehr hatten (S. 207). Allerdings unterstanden sie vielen Restriktionen und mussten zum Beispiel einen syrischen Direktor akzeptieren. Ihren Protest gegen diese Entwicklung zeigten die Lazaristen, indem sie die neuen Bestimmungen, insbesondere die Betonung der arabischen Sprache im Unterricht, nur sehr zögerlich umsetzten. Der Vatikan kam den Lazaristen nicht zu Hilfe, weil er, so Bocquet, nicht in den Verdacht des Kolonialismus geraten wollte (S. 212). In der syrischen Gesellschaft führte das von der Regierung proklamierte Ziel der Massenbildung dazu, dass die neuen Eliten sich wieder an die Privatschulen wandten, wovon die Lazaristen aufs Neue profitierten.

Im dritten Teil „Être missionaire au temps du Baas“ illustriert Bocquet, wie die Lazaristen als Folge der politischen Situation ihre Schule zunächst schließen mussten, später aber in bescheidenerem Umfang wieder eröffnen und sich so einen Platz in der Damaszener Schullandschaft erhalten konnten. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sie die Zeit der Putsche und der Union zwischen Syrien und Ägypten zu überstehen, immer in der Furcht vor einer Verstaatlichung ihrer Schule nach ägyptischem Vorbild. Sie erfolgte in der Tat 1967 (S. 247). Insgesamt markiert die Machtübernahme des Baath-Regimes laut Bocquet die Loslösung der Lazaristen von allen Allianzen, sowohl mit der französischen Regierung als auch mit dem Vatikan und den lokalen katholischen Gemeinschaften. Gegenüber dem Baath-Regime verhielten sich einige Patres loyal, andere ablehnend (S. 263). Nach der Schließung ihrer Schulen 1967 wandten sie sich dem karitativen Dienst zu (S. 321).

Interessanterweise zeigt Bocquet auch, wie wenig die Medien und die Öffentlichkeit in Frankreich auf diese Entwicklungen reagierten. Der Quai d’Orsay blieb ebenfalls sehr diskret, weil man in Paris mit der neuen anti-israelischen Politik de Gaulles die arabischen Länder für sich gewinnen wollte (S. 308–312). Die 1970 von Hafez al-Asad eingeführte Politik der ökonomischen und politischen Öffnung führte auch zu einer Wiedereröffnung einiger privater Schulen, darunter der École de Lourdes der Lazaristen. Aufgrund von finanziellen Problemen konnte die Schule aber nie mehr ihre alte Größe erlangen. Um jede Nostalgie angesichts dieses Urteils zu vermeiden, fragt Bocquet abschließend, ob diese Entwicklung nicht die notwendige Anpassung der Lazaristen an die Realität war, da nur acht Prozent der Syrer Christen waren und viele von ihnen das Land verlassen hatten (S. 359). Und so kommt er zu dem Schluss, die hundertjährige Geschichte der Lazaristen in Damaskus als die Vollendung eines unausweichlichen doppelten Akkulturationsprozess ihrer Mission zu sehen, der sowohl der neuen Ausrichtung des Vatikans nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil als auch der Demokratisierung und „Massifizierung“ des Erziehungswesens in Syrien Rechnung zollte (S. 359).

Jérôme Bocquet hat mit diesem Werk eine sorgfältig recherchierte mikrohistorische Studie vorgelegt, die überzeugend die Verbindung zur staatlichen Ebene in Syrien und zur französischen Gesellschaft schafft. Sie wird damit seinem Anspruch gerecht, von der Mikroeinheit der Schule auf die Beziehungen zwischen Frankreich und Syrien beziehungsweise der arabischen Welt zu schließen (S. 18). Das schafft er unter anderem durch Vergleiche mit der Bildungspolitik Frankreichs im Libanon und in Nordafrika. Ebenso innovativ ist seine Analyse der Rezeption der Schulen in Syrien innerhalb der Gesellschaft und Medien in Frankreich. Die umfangreichen Detailschilderungen und einige wenige inhaltliche Wiederholungen machen die Lektüre allerdings streckenweise zu einer wahren Ausdauerübung. Vielleicht hätte eine etwas stärker entwickelte theoretische Hinführung die Arbeit gestrafft und stärker verdichtet.3 In jedem Fall aber ist dieses Buch allen zu empfehlen, die sich differenziert über die Erziehungsarbeit französischer katholischer Orden, über die Geschichte Syriens im 20. Jahrhundert und über die facettenreiche Wechselbeziehung zwischen beiden informieren wollen.

Anmerkungen:
1 Jérôme Bocquet, Le Collège Saint-Vincent des pères lazaristes de Damas. L'enseignement français en Syrie (1864-1967), Lille 2004.
2 Siehe exemplarisch Patrick Cabanel (Hrsg.), Une France en Méditerranée. Écoles, langue et culture françaises, XIXe–XXe siècles, Paris 2006. Dieser Band sind die Beiträge einer 2005 abgehaltenen Konferenz, die alle prominenten französischen Historiker, die aktuell zu diesem Thema arbeiten, versammelt hat; aus der angelsächsischen Forschungslandschaft siehe Jennifer Dueck, Educational Conquest. Schools as a Sphere of Politics in French Mandate Syria, 1936–1946, in: French History 4 (2006), S. 442–459.
3 So wäre die Nutzbarmachung der Theorie Pierre Bourdieus, vor allem des Habitus-Begriffes, gewinnbringend gewesen, wie sie beispielsweise Christoph Schumann, Radikalnationalismus in Syrien und Libanon. Politische Sozialisation und Elitenbildung 1930–1958, Hamburg 2001, auch für die Frage der schulischen Sozialisation seiner Untersuchungssubjekte überzeugend angewandt hat.

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